In einer Beziehung geht es nicht immer darum, den Partner zu verstehen. Manchmal genügt es vollkommen, ihn zu akzeptieren.
Über Schreiben, Lesen und andere Dinge, die gelegentlich durch mein Hirn wandern und ihre Spuren hinterlassen.
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Mittwoch, 6. November 2013
Freitag, 4. Oktober 2013
Erkenntnis der Woche, Nr. 3
Manchmal ist das, was du als Weisheit erkennst, nichts weiter als alltägliche Banalität (so wie diese Erkenntnis zum Beispiel).
Samstag, 25. Mai 2013
Erinnerungen und Sammlungen
Heute habe ich eine kurze Schilderung darüber gehört, wie jemand, der vor längerer Zeit - hauptsächlich in den 1980er Jahren - für vielleicht zehn, fünfzehn Jahre in bescheidenem Umfang sowas wie ein bekannter Name war - jemand anderen angefaucht hat, weil der Betroffene nicht wusste, wer er war.
Diese offenbar übellaunige, bissige, misanthrope und verbitterte Person brüstete sich in der kurzen Konfrontation mit einer riesigen Sammlung von Büchern, die sie ihr eigen nennt und ... was wollte ich jetzt sagen? Ach ja, also weil mir dieser kurze Erlebnisbericht nochmal in den Sinn gekommen ist, sind mir dazu folgende, im Grunde simple, Gedanken durch den Kopf gegangen.
Ich habe mein erstes "Erwachsenenbuch" gekauft, da war ich ungefähr, elf, zwölf Jahre alt, was nun schon eine Ewigkeit her ist, Wahnsinn, Jahrzehnte sind vergangen. Fuck, ich werde alt.
Das Buch war ein Roman von Alan Dean Foster - Die denkenden Wälder. Tolles Buch gewesen, gut gealtert, auch heute noch lesbar - wie alle früheren Romane des Homanx-Zyklus. Bei den späteren Bänden, die zum Teil aber chronologisch früher angelegt sind als die frühen Werke, ist das anders, da ... das führt jetzt zu weit und geht am Thema vorbei, sorry.
Das zweite "Erwachsenenbuch" - Jugendbücher* hatte ich davor schon selbständig immer wieder erworben - war dann ebenfalls ein Foster - Alien, der Roman zum Film. Heilige Scheiße, was hab ich mich dabei gefürchtet. Ich glaube, nur die Lektüre vom Friedhof der Kuscheltiere hat mich danach mehr in Angst versetzt.
Kurze Geschichte zur allgemeinen Erheiterung: Ich habe dann - also nach Alan Dean Foster, einen Stapel Science Fiction Taschenbücher erworben, die aus dem Moewig Verlag stammten, ein blaues Rundumcover mit einem oft wenig zum Inhalt passenden Titelbild zur Schau trugen und mit den Worten "Playboy Science Fiction" geschmückt waren.
In meiner Naivität - frühe 1980er Jahre, ich ging noch zur Schule - dachte ich echt, das wären alles utopische Romane mit viel Sex drinnen - was wusste ich in dem Alter, wer Philip K. Dick war? (Die Bücher waren optisch eher wenig gefällig, aber die Titelauswahl war ausgezeichnet, eine tolle Reihe oft anspruchsvoller Romane.)
Dann borgte mir ein Schulfreund die Josefine Mutzenbacher und was soll ich sagen... das war Aufklärungslektüre der allerfeinsten Sorte! (Auch der Simmel, den ich zu der Zeit bei meinen Eltern aus dem Regal geschnappt hatte und in dem seitenweise Schilderungen von Brustwarzen vorkamen, der hat mich so einiges gelehrt - herrje, war das aufregend) Und Philip K. Dick liebe ich heute. Und wenn Romane viel Sex beinhalten, freue ich mich auch noch darüber.
So, zurück zum Thema. Alan Dean Foster war, da bin ich mir sicher, mein Einstieg in das Sammeln von Büchern. Science Fiction, Fantasy, Horror. Gelesen und gehortet. Ich habe sehr schnell sehr viele Bücher gehabt und in dem Zimmer, das ich mit meinem Bruder geteilt habe (der konnte nie was mit Büchern anfangen, was unvorstellbar war für mich), war bald kein Platz mehr, so sind die Bücher in Stapeln in Kästen im Abstellraum gelandet, gleich beim Werkzeug. In bestem Zustand, gelesen, gemocht, fein säuberlich in Stapeln wegsortiert.
Wie wir alle bin ich älter geworden, ausgezogen, habe ein durchschnittlich langweiliges Leben voll der üblichen Irrungen und Wirrungen geführt, das mir so nebenbei etliche Umzüge mehr beschert hat, als mir lieb gewesen wären. Die ersten paar Mal war das Übersiedeln kein Problem, aber im Laufe der Zeit wurde es immer mühsamer, weil die Zahl der Bücherkartons gewachsen ist.
Kurzer Einwurf: Beim letzten Umzug vor rund fünf Jahren hat mich einer der Möbelpacker, nachdem sie rund hundertfünfzig Bücherkisten in die Wohnung geschleppt haben, keine Kartons, sondern die Transportkisten, wie sie im Buchhandel verwendet werden, gefragt, ob ich denn verrückt sei? Gute Frage.
Weiter: Der Mühen wegen habe ich begonnen, mich immer wieder von Exemplaren zu trennen. Durchschnittliche Wohnung, ein halbes Dutzend Billy Regale in Doppelreihen randvoll. Größere Wohnung, mehr Bücher, eigenes Haus - sehr viel mehr Bücher, zurück in eine Wohnung und wieder weniger Bücher, kleinere Wohnung, noch mehr Bücher weg, größere Wohnung, etwas mehr Bücher, Vater geworden, viel weniger Bücher.
Von den siebzehn Billy-Regalen, die ich derzeit in Beschlag genommen habe, sind fünfzehn Regale mit Büchern gefüllt - doppelreihig, die Häfte der Regale mit Aufsatz und Zusatzbrett.
Wenn ich nachgrüble - ich habe immer die Stückanzahl gezählt, von der ich mich getrennt habe - sind alleine bei den letzten beiden Übersiedlungen rund viertausend (4000) Science Fiction, Fantasy und Horrorbücher aus meinen Regalen verschwunden. Für das, was ich noch habe, ist eine Zählung ausständig. Und eine vernüftige Schlichtung.
In den letzten Jahren habe ich etliche private Sammlungen begutachten können und öfter gehört, wie Leute voller Stolz von ihren Massen an Büchern erzählen, die sie zusammengetragen haben. Wenn ich dann höre, wie sie von zweitausend, dreitausend Stück reden, kann ich nur lächeln.
Wenn ich nachrechne, was ich bisher in meinem Lebens an Büchern abgestoßen habe, dann würde ich heute eine Bibliothek von geschätzten fünfzehntausend Titeln mein eigen nennen - konservativ geschätzt. Natürlich gibt es beträchtlich größere Sammlungen, pah, keine Frage, exquisitere Sammlungen, selbstredend. Nur geht mir diese Angeberei auf die Nerven, dieses Posaunen, wie wertvoll doch das ist, was man an Büchern daheim stehen hat.
Pah, Quatsch. Wertvoll für den Sammler allein, für sonst niemanden. Ich habe immer noch etliche teure, signierte, limitierte, nummerierte Bücher daheim rumstehen, die schon lange nicht mehr zu kaufen sind, und wenn man für solche Titel mal auf eBay oder Abebooks nachschaut, ha ha ha. Wertvoll, lächerlich! Die Realität sieht anders aus.
Wie vorhin gesagt, habe ich etliche Sammlungen gesehen, über einige etwas gehört und von all diesen Privatbibliotheken habe ich nur zwei Sammlungen als bemerkenswert angesehen (na gut, es waren drei, aber die dritte zählt nicht, die hat mir nur gefallen, weil sie sich über weite Stecken mit meiner Sammlung gedeckt hatte):
Die eine Sammlung gehört(e) einem nicht mehr ganz jungen Herren, den wir kurz und bündig HM nennen. Bestens gepflegte Bücher in erstklassigem Zustand, obwohl einige schon Jahrzehnte auf dem Buckel hatten (wir reden hier von Taschenbüchern, Science Fiction, Fantasy, Horror; von englischen Magazinen, die teils noch aus den 1950er Jahren stammen). Diese Sammlung war höchst fokussiert auf einen Schwerpunkt - die Science Fiction Kurzgeschichte - und das hat sie so bemerkenswert gemacht. Eine konsequente Sammlung, genauso konsequent und pedant geordnet. Man sollte gar nicht glauben, in welchen Mengen Kurzgeschichten erschienen sind. Und wie wenig die Kurzgeschichte im deutschsprachigen Raum heute geschätzt wird. Arg.
Die andere Sammlung gehört(e), nennen wir ihn AV. Diese Sammlung zeichnet sich durch eine enorme Breite aus, die weit über das Genre hinausgeht und die in ihrer Breite wiederum konsequent und in sich logisch ist. Und dieser Sammler hat wirklich alte Bücher und Raritäten und da bleibt mir immer wieder der Mund offen, wenn ich sehe, was der Mann hat - natürlich ist das Ganze materiell in dieser unserer doch eher kulturlosen Zeit nicht mehr viel wert, aber Mann! Jeder, der alte in Leder gebunden Bücher mit Goldschnitt und Prägung zu schätzen weiß, oder einen Sinn für die "Groschenromane" des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts hat, sehr, sehr schön. Eher chaotisch und nur rudimentär geordnet, das alles.
Was zeichnet eine gute Sammlung eigentlich aus - wobei "gut" ein extrem relativer Begriff ist. Aber ich sehe das so: Bei einer guten Sammlung lernt man was über die gesammelte Materie. Bei Büchern wäre das zum Beispiel - Trends und Zeitgeist in Inhalt und Gestaltung. Sieht man sich Sammlungen an, die über Jahrzehnte entstanden sind, dann lässt sich sowas durchaus erkennen. Ein überaus markantes Beispiel dafür ist für mich die Gestaltung der Heyne Science Fiction Taschenbücher, an deren Covern, Papierwahl, Innenillustrationen etc. oft genug die Entstehungszeit erkennbar ist. Jahrzehnt für Jahrzehnt.
Was diese beiden vorhin erwähnten Sammler gemeinsam haben - keiner ist so großkotzig, damit zu prahlen, wie viele Bücher sie haben/hatten - zumindest habe ich das nie erlebt. Und das zeichnet sie mich aus: Sie gehen/gingen ihrer Leidenschaft nach und haben sich mit dem beschäftigt, was sie fasziniert und interessiert hat, ohne der Welt kundtun zu müssen, wie toll sie doch sind und wie belesen und ach, was für eine Arbeit das doch ist, diese Sammlung über viele Jahre hinweg zusammenzutragen.
Blubber. Wer das Glück hatte, immer genügend Platz und Geld zur Verfügung zu haben, der hat es nicht schwer gehabt, seine Sammlung zu erweitern. Mit den nötigen Ressourcen lässt sich leicht sammeln. Das Getue ist pure Angeberei - sowas wie die Männer mit Schmerbauch und Glatze, die knallrote Sportcabrios mit fünfhundert Pferdestärken fahren. *rofl*
Sammeln ist eine Selbstbefriedigung, eine Triebbefriedigung, eine höchst egoistische Angelegenheit wie onanieren und masturbieren. Darüber redet man ja auch nicht andauernd - äh, na gut, also, wenn man mal die zahllosen einschlägigen Tumblr-Blogs hier ausklammert, dann stimmt meine Aussage, hüstel ;-)
Ich glaube, das hier ist ein hübscher kleiner Rant geworden, den ein Spinner ausgelöst hat, der seine eigene Sammlung von Büchern erwähnen musste, um sich wichtig zu machen. Es ist im Grunde eine völlig uninteressant, banale Begegnung, die ein Bekannter mit einem uninteressanten Menschen hatte - aber wie der überstrapazierte Schmetterling, dessen Flügelschlag in Europa in Japan ... bla bla bla, so haben die Äußerungen dieses Kerls bei mir den Wunsch ausgelöst, das hier niederzuschreiben.
Ich habe diesen Typen zweimal gesehen und beobachtet, aber nie mit ihm gesprochen, weil er es nichtmal für wert befunden hat, auch nur seine Augen in meine Richtung zu drehen, obwohl wir stundenlang mit zahlreichen anderen Leuten im selben Raum waren. Berechtigte Frage: Warum bin ich nicht auf diesen Menschen zugegangen? 1) Mir fällt es sehr schwer, auf mir unbekannte Menschen zuzugehen. 2) Ich meide Leute, die eine spürbar miese Aura verbreiten. 3) Ich würde mich selbst eher als misanthrop bezeichnen, meine Frau nennt mich gelegentlich "mein kleiner Autist" (dabei bin ich größer als sie, mhm), also nein, ich war nicht darauf aus, jemanden, der mich abschreckt, anzusprechen. Was soll's. Und meinstens sind mir solche Miesmuscheln ohnehin scheißegal, nur hin und wieder geht mir eine unter die Haut.
Es gibt auch noch eine zweite Konfrontation, die jemand anderer, den ich sehr schätze und den als Freund sehen würde, mit diesem Menschen erlebt hat und die sich wunderbar ins Bild einfügt und die negative Ladung dieses Menschen bestätigt. Scheißegal, aber wie der Schmetterling es will ...
Heute bedauere ich es, all die Bücher, von denen ich mich getrennt habe, nicht mehr in meinem Besitz zu wissen. Sie waren sowohl materiell wie zum Teil sicher auch inhaltlich gesehen nicht wertvoll, obwohl als Schüler mit bescheidenem Taschengeld mein Gesamtvermögen in ihren Erwerb geflossen ist.
Für mich waren Bücher mein ganzes Privat- und Berufsleben stets von elementarer Bedeutung und ich finde es jetzt und heute schade, verschiedene Bücher wie die sechs Bände der "roten Sonja" - im Grunde haarsträubend banale Fantasyromane, nicht mehr im Regal zu haben.
All die Verflossenen waren mir viele Jahre wertvoll, dann habe ich sie weggetan, weil ich sie für überflüssig erachtet habe und jetzt finde ich sie wieder wertvoll. Oh Zeiten, od Geisteshaltung.
Aber ich bin deswegen weder sauer noch vergrämt oder verbittert - nein. All das ansammeln und abstoßen von Büchern hat zum jeweiligen Zeitpunkt seine Richtigkeit gehabt und darüber zu jammern oder damit zu prahlen, was ich noch habe oder hatte, das erscheint mir dämlich.
Hm, habe ich das nicht gerade getan? Nein, ich denke nicht, weil ich weiß, was meine Sammlung für enorme Lücken hat und weil diese Bücher, zumindest so lange sie bei mir daheim sind, einfach nur einen normalen Bestandteil meines Lebens darstellen, aber nichts, worüber ich großkotzen muss.
Wollte ich wirklich prahlen, dann würde ich damit angeben, dass meine Tocher mit noch nichtmal vier Jahren mehr Bücher hat und diese eifrig auf die dafür vorgesehene Weise zu nutzen weiß (Bilder anschauen, Zusammenhänge erkennen, sich vorlesen lassen), als viele Erwachsene ihr ganzes Leben lang gelesen haben. Mal sehen, wie das beim zweiten Kind wird.
In diesem Sinne erkläre ich die Tirade hiermit beendet. Vielen Dank :-)
Diese offenbar übellaunige, bissige, misanthrope und verbitterte Person brüstete sich in der kurzen Konfrontation mit einer riesigen Sammlung von Büchern, die sie ihr eigen nennt und ... was wollte ich jetzt sagen? Ach ja, also weil mir dieser kurze Erlebnisbericht nochmal in den Sinn gekommen ist, sind mir dazu folgende, im Grunde simple, Gedanken durch den Kopf gegangen.
Ich habe mein erstes "Erwachsenenbuch" gekauft, da war ich ungefähr, elf, zwölf Jahre alt, was nun schon eine Ewigkeit her ist, Wahnsinn, Jahrzehnte sind vergangen. Fuck, ich werde alt.
Das Buch war ein Roman von Alan Dean Foster - Die denkenden Wälder. Tolles Buch gewesen, gut gealtert, auch heute noch lesbar - wie alle früheren Romane des Homanx-Zyklus. Bei den späteren Bänden, die zum Teil aber chronologisch früher angelegt sind als die frühen Werke, ist das anders, da ... das führt jetzt zu weit und geht am Thema vorbei, sorry.
Das zweite "Erwachsenenbuch" - Jugendbücher* hatte ich davor schon selbständig immer wieder erworben - war dann ebenfalls ein Foster - Alien, der Roman zum Film. Heilige Scheiße, was hab ich mich dabei gefürchtet. Ich glaube, nur die Lektüre vom Friedhof der Kuscheltiere hat mich danach mehr in Angst versetzt.
Kurze Geschichte zur allgemeinen Erheiterung: Ich habe dann - also nach Alan Dean Foster, einen Stapel Science Fiction Taschenbücher erworben, die aus dem Moewig Verlag stammten, ein blaues Rundumcover mit einem oft wenig zum Inhalt passenden Titelbild zur Schau trugen und mit den Worten "Playboy Science Fiction" geschmückt waren.
In meiner Naivität - frühe 1980er Jahre, ich ging noch zur Schule - dachte ich echt, das wären alles utopische Romane mit viel Sex drinnen - was wusste ich in dem Alter, wer Philip K. Dick war? (Die Bücher waren optisch eher wenig gefällig, aber die Titelauswahl war ausgezeichnet, eine tolle Reihe oft anspruchsvoller Romane.)
Dann borgte mir ein Schulfreund die Josefine Mutzenbacher und was soll ich sagen... das war Aufklärungslektüre der allerfeinsten Sorte! (Auch der Simmel, den ich zu der Zeit bei meinen Eltern aus dem Regal geschnappt hatte und in dem seitenweise Schilderungen von Brustwarzen vorkamen, der hat mich so einiges gelehrt - herrje, war das aufregend) Und Philip K. Dick liebe ich heute. Und wenn Romane viel Sex beinhalten, freue ich mich auch noch darüber.
So, zurück zum Thema. Alan Dean Foster war, da bin ich mir sicher, mein Einstieg in das Sammeln von Büchern. Science Fiction, Fantasy, Horror. Gelesen und gehortet. Ich habe sehr schnell sehr viele Bücher gehabt und in dem Zimmer, das ich mit meinem Bruder geteilt habe (der konnte nie was mit Büchern anfangen, was unvorstellbar war für mich), war bald kein Platz mehr, so sind die Bücher in Stapeln in Kästen im Abstellraum gelandet, gleich beim Werkzeug. In bestem Zustand, gelesen, gemocht, fein säuberlich in Stapeln wegsortiert.
Wie wir alle bin ich älter geworden, ausgezogen, habe ein durchschnittlich langweiliges Leben voll der üblichen Irrungen und Wirrungen geführt, das mir so nebenbei etliche Umzüge mehr beschert hat, als mir lieb gewesen wären. Die ersten paar Mal war das Übersiedeln kein Problem, aber im Laufe der Zeit wurde es immer mühsamer, weil die Zahl der Bücherkartons gewachsen ist.
Kurzer Einwurf: Beim letzten Umzug vor rund fünf Jahren hat mich einer der Möbelpacker, nachdem sie rund hundertfünfzig Bücherkisten in die Wohnung geschleppt haben, keine Kartons, sondern die Transportkisten, wie sie im Buchhandel verwendet werden, gefragt, ob ich denn verrückt sei? Gute Frage.
Weiter: Der Mühen wegen habe ich begonnen, mich immer wieder von Exemplaren zu trennen. Durchschnittliche Wohnung, ein halbes Dutzend Billy Regale in Doppelreihen randvoll. Größere Wohnung, mehr Bücher, eigenes Haus - sehr viel mehr Bücher, zurück in eine Wohnung und wieder weniger Bücher, kleinere Wohnung, noch mehr Bücher weg, größere Wohnung, etwas mehr Bücher, Vater geworden, viel weniger Bücher.
Von den siebzehn Billy-Regalen, die ich derzeit in Beschlag genommen habe, sind fünfzehn Regale mit Büchern gefüllt - doppelreihig, die Häfte der Regale mit Aufsatz und Zusatzbrett.
Wenn ich nachgrüble - ich habe immer die Stückanzahl gezählt, von der ich mich getrennt habe - sind alleine bei den letzten beiden Übersiedlungen rund viertausend (4000) Science Fiction, Fantasy und Horrorbücher aus meinen Regalen verschwunden. Für das, was ich noch habe, ist eine Zählung ausständig. Und eine vernüftige Schlichtung.
In den letzten Jahren habe ich etliche private Sammlungen begutachten können und öfter gehört, wie Leute voller Stolz von ihren Massen an Büchern erzählen, die sie zusammengetragen haben. Wenn ich dann höre, wie sie von zweitausend, dreitausend Stück reden, kann ich nur lächeln.
Wenn ich nachrechne, was ich bisher in meinem Lebens an Büchern abgestoßen habe, dann würde ich heute eine Bibliothek von geschätzten fünfzehntausend Titeln mein eigen nennen - konservativ geschätzt. Natürlich gibt es beträchtlich größere Sammlungen, pah, keine Frage, exquisitere Sammlungen, selbstredend. Nur geht mir diese Angeberei auf die Nerven, dieses Posaunen, wie wertvoll doch das ist, was man an Büchern daheim stehen hat.
Pah, Quatsch. Wertvoll für den Sammler allein, für sonst niemanden. Ich habe immer noch etliche teure, signierte, limitierte, nummerierte Bücher daheim rumstehen, die schon lange nicht mehr zu kaufen sind, und wenn man für solche Titel mal auf eBay oder Abebooks nachschaut, ha ha ha. Wertvoll, lächerlich! Die Realität sieht anders aus.
Wie vorhin gesagt, habe ich etliche Sammlungen gesehen, über einige etwas gehört und von all diesen Privatbibliotheken habe ich nur zwei Sammlungen als bemerkenswert angesehen (na gut, es waren drei, aber die dritte zählt nicht, die hat mir nur gefallen, weil sie sich über weite Stecken mit meiner Sammlung gedeckt hatte):
Die eine Sammlung gehört(e) einem nicht mehr ganz jungen Herren, den wir kurz und bündig HM nennen. Bestens gepflegte Bücher in erstklassigem Zustand, obwohl einige schon Jahrzehnte auf dem Buckel hatten (wir reden hier von Taschenbüchern, Science Fiction, Fantasy, Horror; von englischen Magazinen, die teils noch aus den 1950er Jahren stammen). Diese Sammlung war höchst fokussiert auf einen Schwerpunkt - die Science Fiction Kurzgeschichte - und das hat sie so bemerkenswert gemacht. Eine konsequente Sammlung, genauso konsequent und pedant geordnet. Man sollte gar nicht glauben, in welchen Mengen Kurzgeschichten erschienen sind. Und wie wenig die Kurzgeschichte im deutschsprachigen Raum heute geschätzt wird. Arg.
Die andere Sammlung gehört(e), nennen wir ihn AV. Diese Sammlung zeichnet sich durch eine enorme Breite aus, die weit über das Genre hinausgeht und die in ihrer Breite wiederum konsequent und in sich logisch ist. Und dieser Sammler hat wirklich alte Bücher und Raritäten und da bleibt mir immer wieder der Mund offen, wenn ich sehe, was der Mann hat - natürlich ist das Ganze materiell in dieser unserer doch eher kulturlosen Zeit nicht mehr viel wert, aber Mann! Jeder, der alte in Leder gebunden Bücher mit Goldschnitt und Prägung zu schätzen weiß, oder einen Sinn für die "Groschenromane" des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts hat, sehr, sehr schön. Eher chaotisch und nur rudimentär geordnet, das alles.
Was zeichnet eine gute Sammlung eigentlich aus - wobei "gut" ein extrem relativer Begriff ist. Aber ich sehe das so: Bei einer guten Sammlung lernt man was über die gesammelte Materie. Bei Büchern wäre das zum Beispiel - Trends und Zeitgeist in Inhalt und Gestaltung. Sieht man sich Sammlungen an, die über Jahrzehnte entstanden sind, dann lässt sich sowas durchaus erkennen. Ein überaus markantes Beispiel dafür ist für mich die Gestaltung der Heyne Science Fiction Taschenbücher, an deren Covern, Papierwahl, Innenillustrationen etc. oft genug die Entstehungszeit erkennbar ist. Jahrzehnt für Jahrzehnt.
Was diese beiden vorhin erwähnten Sammler gemeinsam haben - keiner ist so großkotzig, damit zu prahlen, wie viele Bücher sie haben/hatten - zumindest habe ich das nie erlebt. Und das zeichnet sie mich aus: Sie gehen/gingen ihrer Leidenschaft nach und haben sich mit dem beschäftigt, was sie fasziniert und interessiert hat, ohne der Welt kundtun zu müssen, wie toll sie doch sind und wie belesen und ach, was für eine Arbeit das doch ist, diese Sammlung über viele Jahre hinweg zusammenzutragen.
Blubber. Wer das Glück hatte, immer genügend Platz und Geld zur Verfügung zu haben, der hat es nicht schwer gehabt, seine Sammlung zu erweitern. Mit den nötigen Ressourcen lässt sich leicht sammeln. Das Getue ist pure Angeberei - sowas wie die Männer mit Schmerbauch und Glatze, die knallrote Sportcabrios mit fünfhundert Pferdestärken fahren. *rofl*
Sammeln ist eine Selbstbefriedigung, eine Triebbefriedigung, eine höchst egoistische Angelegenheit wie onanieren und masturbieren. Darüber redet man ja auch nicht andauernd - äh, na gut, also, wenn man mal die zahllosen einschlägigen Tumblr-Blogs hier ausklammert, dann stimmt meine Aussage, hüstel ;-)
Ich glaube, das hier ist ein hübscher kleiner Rant geworden, den ein Spinner ausgelöst hat, der seine eigene Sammlung von Büchern erwähnen musste, um sich wichtig zu machen. Es ist im Grunde eine völlig uninteressant, banale Begegnung, die ein Bekannter mit einem uninteressanten Menschen hatte - aber wie der überstrapazierte Schmetterling, dessen Flügelschlag in Europa in Japan ... bla bla bla, so haben die Äußerungen dieses Kerls bei mir den Wunsch ausgelöst, das hier niederzuschreiben.
Ich habe diesen Typen zweimal gesehen und beobachtet, aber nie mit ihm gesprochen, weil er es nichtmal für wert befunden hat, auch nur seine Augen in meine Richtung zu drehen, obwohl wir stundenlang mit zahlreichen anderen Leuten im selben Raum waren. Berechtigte Frage: Warum bin ich nicht auf diesen Menschen zugegangen? 1) Mir fällt es sehr schwer, auf mir unbekannte Menschen zuzugehen. 2) Ich meide Leute, die eine spürbar miese Aura verbreiten. 3) Ich würde mich selbst eher als misanthrop bezeichnen, meine Frau nennt mich gelegentlich "mein kleiner Autist" (dabei bin ich größer als sie, mhm), also nein, ich war nicht darauf aus, jemanden, der mich abschreckt, anzusprechen. Was soll's. Und meinstens sind mir solche Miesmuscheln ohnehin scheißegal, nur hin und wieder geht mir eine unter die Haut.
Es gibt auch noch eine zweite Konfrontation, die jemand anderer, den ich sehr schätze und den als Freund sehen würde, mit diesem Menschen erlebt hat und die sich wunderbar ins Bild einfügt und die negative Ladung dieses Menschen bestätigt. Scheißegal, aber wie der Schmetterling es will ...
Heute bedauere ich es, all die Bücher, von denen ich mich getrennt habe, nicht mehr in meinem Besitz zu wissen. Sie waren sowohl materiell wie zum Teil sicher auch inhaltlich gesehen nicht wertvoll, obwohl als Schüler mit bescheidenem Taschengeld mein Gesamtvermögen in ihren Erwerb geflossen ist.
Für mich waren Bücher mein ganzes Privat- und Berufsleben stets von elementarer Bedeutung und ich finde es jetzt und heute schade, verschiedene Bücher wie die sechs Bände der "roten Sonja" - im Grunde haarsträubend banale Fantasyromane, nicht mehr im Regal zu haben.
All die Verflossenen waren mir viele Jahre wertvoll, dann habe ich sie weggetan, weil ich sie für überflüssig erachtet habe und jetzt finde ich sie wieder wertvoll. Oh Zeiten, od Geisteshaltung.
Aber ich bin deswegen weder sauer noch vergrämt oder verbittert - nein. All das ansammeln und abstoßen von Büchern hat zum jeweiligen Zeitpunkt seine Richtigkeit gehabt und darüber zu jammern oder damit zu prahlen, was ich noch habe oder hatte, das erscheint mir dämlich.
Hm, habe ich das nicht gerade getan? Nein, ich denke nicht, weil ich weiß, was meine Sammlung für enorme Lücken hat und weil diese Bücher, zumindest so lange sie bei mir daheim sind, einfach nur einen normalen Bestandteil meines Lebens darstellen, aber nichts, worüber ich großkotzen muss.
Wollte ich wirklich prahlen, dann würde ich damit angeben, dass meine Tocher mit noch nichtmal vier Jahren mehr Bücher hat und diese eifrig auf die dafür vorgesehene Weise zu nutzen weiß (Bilder anschauen, Zusammenhänge erkennen, sich vorlesen lassen), als viele Erwachsene ihr ganzes Leben lang gelesen haben. Mal sehen, wie das beim zweiten Kind wird.
In diesem Sinne erkläre ich die Tirade hiermit beendet. Vielen Dank :-)
Montag, 8. April 2013
Autorennamen
Es gibt Dutzende Beispiele dafür, wie
Autoren verschiedene Namen benutzen, um ihre Bücher voneinander
abzugrenzen. Prominentester Befürworter ist der Meister der
Self-Publishing, J.A. Konrath, der unter diesem Namen Thriller, unter
Jack Kilborn Splatter und Horror und unter einem dritten Namen
Science Fiction veröffentlicht.
Eine mildere Version des Namensspiels
hat Iain Banks benutzt, der unter Iain M. Banks seine Thriller
veröffentlicht hat. Der Klassiker des Namesspiels ist Stephen King
mit seinem Richard Bachman. Wie gesagt, Dutzende Beispiele lassen
sich innerhalb kürzester Zeit finden. Und das Spiel mit dem
Autorennamen ist beileibe keine neue Sache, so hat schon Isaac Asimov
seinerzeit die Lucky Starr Romane erstmalig als Paul French
publiziert – und es geht noch viel weiter zurück.
Der Grund dafür ist ziemlich
einleuchtend. Science Fiction Leser mögen nicht unbedingt Horror und
umgekehrt. Leser für harte Erwachsenenbücher machen eventuell eine
Bogen um All-Age Bücher u.ä. Beispiele. Ein Autor, der unter einem
Namen erfolgreich ist, mag die Fans des einen Genres nicht irritieren
und vielleicht sogar verlieren, wenn er einen Genrewechsel vollzieht
und das unter dem gleichen Namen.
Ich frage mich, ob das mit dem
Namenswechsel aber wirklich noch notwendig ist. So lassen sich Bücher
verschiedener Genres sehr leicht durch die Covergestaltung
unterscheiden. Was auch zu bedenken ist, in den ganzen Onlineläden,
Datenbanken und auf den Websites ist ein einzelner Name durchaus
hilfreicher, weil man mit einer größeren Auswahl an Titeln in
Erscheinung tritt und wie jeder Autor weiß, je mehr Regalmeter,
virtuell oder im Laden, umso besser deine Verkäufe, um so mehr
fällst du auf. Es ist auch viel leichter, einen einzelnen Namen zu einem "Brand" zu machen als mehrere.
Ich habe bisher zwei, nein eigentlich
drei Namen benutzt. Zum einen habe ich mit einem Lautspiel meines
Namens angefangen und ursprünglich unter Alex De (da mein Nachname
mit einem D beginnt, erschien mir ein lautmalerisches De naheliegend
und kaum jemand spricht meinen Vornamen in voller Länge aus)
publiziert. Warum? Weil mir mein Eigenname als Autorenname einfach
nicht gefällt. Das ist alles. Alexander ist natürlich in Ordnung,
aber Dolezal gab es schon einige Autoren (z.B. Science Fiction und
Jugendbuchautor Erich Dolezal) und ich bin mit keinem davon verwandt.
Also, weg mit dem Nachnamen.
Das Alex De ist für mich recht witzig
gewesen, aber als Autorennamen ziemlich Scheiße, wenn man das in
einem beliebigen Online-Shop eingibt. Da erscheinen Kolonnen von
Werken, deren Autoren in der einen oder anderen Form diese
Buchstabenkombination im Namen haben.
Meine Überlegung ging dann weiter,
eben aufgrund der empfohlenen Genretrennung und so habe ich zwei
andere Namen kreiert. Alexander Ater, dessen Nachname soviel wie
Schwarz bedeutet, sollte der Horrorautor werden. John Aysa sollte die
Science Fiction und Fantasy schreiben. Englisch klingendes Pseudonym
deshalb, weil ich – derzeit noch nur als Gedankenspiel – sehr
wohl an Übersetzungen denke.
Ich habe die beiden Namen jetzt einige
Monate in Verwendung und meine Erkenntnis ist ein wenig anders als
die von J.A. Konrath: Zwei Namen sind problematisch. Zum einen
erscheint nur ein Teil der eigenen Werke, wenn man gezielt nach dem
Namen sucht. Zum anderen taucht die Frage auf, welcher Name bekommt
welches Werk. Das passiert, wenn man es mit dem Genre nicht so genau
nimmt und immer wieder die Grenzen verlässt. Ist ein
postapokalyptischer Splatterromane jetzt mehr Horror oder pure
Science Fiction? Beide Namen als Autor – das habe ich gemacht, um
die beiden zu verbinden – ist eigentlich Schwachsinn.
Für mich selbst bleibt die Erkenntnis,
dass einer der Namen weg muss, weil diese Unterscheidung
kontraproduktiv ist. Alexander Ater zieht sich somit in den Ruhestand
zurück und übergibt seine Werke an John Aysa. Heißt, ich werde in
den nächsten Wochen die Ater eBooks zurückziehen und unter neuem
Namen neu rausbringen.
Für mich ist es immer wieder eine zum
Teil irritierende Erkenntnis, wie viele Dinge man lernen muss, worauf
man alles Rücksicht zu nehmen hat, wenn man das Schreiben ernsthaft
betreiben will und wenn man sich hauptsächlich mit Self-Publishing
beschäftigt.
Ist aber auch im Verlagswesen nicht
anders. Ini Lorenz, Autorin der Wanderhure, ist ja auch ein
Pseudonym, das des schreibenden Paares. Ihr letzter Roman wurde vom
Verlag unter einem komplett anderen Namen veröffentlicht, was Ini
Lorenz erst erfahren hat, als die Belegexemplare eingetroffen sind.
Der Verlag will einfach einen neuen Star aufbauen (Zumindest so
lautet die Geschichte, wie sie mir erzählt wurde).
Das ist, wenn in dieser Form korrekt,
meiner Meinung nach eine überaus unsympathische Vorgehensweise, da
ich als Autor eigentlich das Recht haben sollte, mir den Namen
auszusuchen, unter dem meine Werke erscheinen. So gesehen ist das
unabhängige Herumspielen schon befriedigender, auch wenn es für
Irritationen sorgen kann und eine Menge Lernstoff bereithält.
Das ist natürlich nur ein Beispiel.
Für andere Autoren mag es sehr wohl funktionieren, mit vielen Namen
herumzuspielen, oder schlicht und einfach beim Eigennamen bleiben.
Für mich hat der Eigenname nicht den richtigen Klang gehabt und es
hat ein paar Versuche gebraucht, bis ich letztlich bei einem simplen,
englisch klingenden Namen gelandet bin, der leicht zu merken ist und
hoffentlich jede Menge Potential hat: John Aysa.
Sonntag, 13. Januar 2013
Wie schreibe ich einen Bestseller
Gar nicht. Das Publikum entscheidet, ob
dein Buch ein Bestseller wird oder nicht. Wenn du einen Verlag hast,
der dich pushen will, dann kann das wirken. Oder auch nicht. Ich habe
Buchhändler gelernt. Ich habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet.
Ich habe mehr gescheiterte als erfolgreiche Versuche gesehen, ein
Buch zu pushen.
Für ein Sakrileg gibt es
zwanzig versenkte Versuche, diesen Erfolg zu wiederholen. Für einen
John Grisham gibt es hundert Thrillerautoren, die nach dem zweiten
Buch nicht mehr erscheinen, weil sie floppen. Für einen George R. R.
Martin gibt es hunderte Autoren, die kommen und gleich wieder gehen.
Das Parfüm, Die Vermessung der Welt, derartige Erfolge
gibt es nur alle paar Jahre und sie verzerren die Wahrnehmung. Weil
sie außergewöhnliche Ausnahmen sind.
Was wir als Leser sehen, ist nur die
Spitze eines Eisberges. Allein im deutsche Raum sind derzeit rund
eine Million Titel im Verkauf – nur von Verlagen, wohlgemerkt.
Self-Publishing ist da gar nicht mitgezählt.
Wie viele Bücher erscheinen jedes
Jahr, die zum Bestseller werden? Das lässt sich an den Fingern einer
Hand abzählen. Und wie viele dieser Erfolge sind den Lesern auch
noch nach etlichen Jahren geläufig? Noch weniger. Jaja, Donna Leon
oder der unerträgliche Paolo Coelho. Solche Erfolge sollte man nicht
als Beispiele heranziehen. Da spielen zu viele Faktoren mit.
Das fängt beim verrückten Spiel mit
den Rechten an (das bei beiden Autoren eine ganz eigene Sache ist)
und endet damit, dass der Verlag jedes Jahr mit dem neuen Titel ein
Paket mit der Backlist in die Läden drückt. Und wie dann die
Remissionsquoten aussehen, ist auch eine andere Geschichte. Zumindest
war das bei Band 16 von Donna Leon noch so.
Aber wenn wir das Niveau heben und von
Büchern wie Hundert Jahre Einsamkeit oder Der Name der
Rose anfangen, wird die Luft schon sehr dünn. Und … äh,
worauf wollte ich damit hinaus?
Ah, genau. Also, wenn du dein Buch
schreibst, denk nicht daran, ob es eine kommerzielle Idee ist oder
nicht. Kommerziell sind die wenigsten Ideen. Das Buch mit den fünfzig
Grauschattierungen ist ursprünglich nichts weiter als Fanfiction für
den Twilight Wahnsinn gewesen – und Fanfiction ist von Natur
aus nicht kommerziell, darf es gar nicht sein. Es hat nur zufällig
einen Nerv getroffen, der sich im überaus unsympathischen Begriff
des Hausfrauenporno niederschlägt.
Die meisten Ideen sind ausgelutscht und
schon x-fach vorhanden. Du bist Autor, verdammt. Schreib die Scheiße,
die dir eingefallen ist, schreib sie so gut wie du kannst und hau den
Stoff auf den Markt. Zum Thema der Ideen habe ich → hier
etwas geschrieben. Ob dein Text ein Bestseller wird oder nicht,
entscheidet das Publikum. Das hat nicht viel mit Qualität zu tun. Du
triffst den Nerv der Leser oder nicht.
Bestseller? Ist toll, wenn er gelingt.
Keine Frage, welcher Autor wünscht sich nicht den Roman, der bei
Erscheinen schon eine halbe Million Vorbestellungen hat, während der
Verlag zwei Wochen nach Erscheinen die sechste Auflage vorbereitet.
Nur verpufft dieser Effekt gewaltig, wenn keine Backlist vorhanden
ist, die immer schon gut gegangen ist, oder jetzt einen gewaltigen
Push erlebt.
Auch nutzt der Bestseller nichts, wenn
ich nicht im Folgejahr den nächsten Titel anbieten kann. Und im Jahr
darauf den nächsten, und so weiter. Alle paar Jahre ist zu wenig.
Die Ausnahmefälle sind genau das, Ausnahmen, die diese Regel
bestätigen.
Mal abgesehen davon, ein Bestseller ist
eine überaus kurzlebige Angelegenheit. Wenn im Jänner und Februar
der Vertreter die Buchhandlungen bereist, hat er das Verlagsprogramm
für die nächsten sechs Monate bei sich. Da sind die geplanten
Bestseller mit dabei. Sechs Monate! Im Juni und Juli reist der
Vertreter wieder in die Buchhandlungen und hat das Programm für die
nächsten sechs Monate dabei. Wieder mit den Bestsellern für das
kommende Halbjahr.
Wie entsteht der Bestseller? Der Verlag
schaltet massenhaft Werbung. Die Vertreter schildern, wie viel der
Verlag für den Autor und das Buch tut, wie viel Geld in die Werbung
gesteckt wird, wie sehr alle Leute im Verlag von dem Buch begeistert
sind, was für ein Ausnahmetitel das ist und wie hoch die Auflage
sein wird und welch tolle Konditionen es für das Buch gibt, wenn der
Buchhändler mindestens eine halbe Palette von dem Titel nimmt,
selbstverständlich mit Remissionsrecht und Dekomaterial ohne Ende.
Und für die große, große Kette gibt
es finanzielle Unterstützung, wenn das Buch im besten Regal landet.
Tja. Über die große, große Kette und all die Dinge, die sie
horrend falsch macht, um damit ihren Niedergang einzuleiten, könnte
man sehr viel und sehr ausführlich schreiben. Will ich aber nicht –
jetzt zumindest.
Was macht der Buchhändler? Er nimmt
die halbe Palette, vielleicht sogar eine ganze Palette. Es könnte ja
sein, das Buch wird wirklich ein Renner und den nicht auf Lager zu
haben, das geht gar nicht. Der Berg Bücher wird prominent im
Schaufenster ausgestellt, bei der Kassa, am besten Verkaufsplatz,
überall.
Nun gut. Das Buch ist in jeder
Buchhandlung zu sehen und so wird dem Titel Wichtigkeit beigemessen
(noch ist Offline für die Millionenseller einen Tick wichtiger als
Online). Haben die Beteiligten Glück, funktioniert das Spiel und das
Buch verkauft sich tatsächlich gut. Wenn nicht, hat der Verlag einen
mittelprächtigen Abschreibposten.
Was also macht der Buchhändler, wenn
der Vertreter nach sechs Monaten wieder kommt und der Bestseller des
Halbjahres gefloppt ist? Er schickt alles zurück. Die ganzen
gepushten Bücher. Den Spitzentitel, und die begleitenden Werke. Was
behält er? Die soliden Verkäufe. Das sind die Titel, die weder
gepusht worden sind, noch totale Sitzenbleiber, sondern
kontinuierlich ihren Abnehmer finden, ganz von allein. Bücher, die
sich die Kunden alleine finden, Bücher die keine Arbeit machen.
Buchhändler und Verlage brauchen
Bücher, die sich drehen, heißt, die eine gewisse Anzahl von
Verkäufen im Jahr schaffen, um im Sortiment zu bleiben. Bei weniger
Verkäufen muss das Buch raus, weil es wertvollen Platz in Anspruch
nimmt, aber nicht genug Geld macht. Buchhandel ist ein Geschäft, in
dem es um Geld geht und wenn die Manager in den Verlagen und Ketten
aus dem Drogeriehandel oder sonstwoher kommen und einen Scheiß über
Bücher wissen, weil sie auch Schrauben verkaufen könnten, weil
Bücher sie nur als statistische Umsatzwerte kümmern, dann … nun.
Die Bücher, die sich mehrere Jahre
solide genug verkauft haben, um im Druck und Sortiment zu bleiben,
kommen unterm Strich auf durchaus beeindruckende Zahlen. Vielleicht
nicht auf so massive Zahlen wie der gepushte Bestseller, der im Jahr
seines Erscheinens eine Million verkauft. Aber der Millionenseller
wird ein paar Jahre später zur stinknormalen Backlist oder gar zur
Bedeutungslosigkeit geschrumpft sein, den man, wenn überhaupt, nur
dann wieder auf Lager nimmt, wenn der Autor ein neues Buch rauswirft
und die ganze Verwertungskette versucht, diesen Erfolg zu
wiederholen.
Der Backlist Titel hingegen geht und
geht und der Autor bringt ein neues Buch raus und all die Leser, die
jahrelang die Backlist erworben haben, nehmen dann auch das neue Buch
mit und wenn es ältere Titel gibt, dann werden die auch verlangt und
landen dank der Nachfrage im Regal. Damit schleppen die Dauerbrenner
auch ältere Titel mit, die durchaus wieder im Verkauf zulegen können
– kontinuierlich, das ist das Zauberwort.
Mit Büchern Erfolg zu haben ist in der
Regel ein Marathonrennen, kein Sprint.
Bücher, die von Lesern an Leser
empfohlen werden, verkaufen sich kontinuierlich. Das sind nicht
unbedingt die Titel, die von den Medien suggeriert werden. Nicht die
Titel, die sich die Verlage wünschen. Es sind jene Titel, die den
Lesern unterm Strich am Besten gefallen. Die Titel, über die sich
die Leute in Lesezirkeln und Foren austauschen, die Bücher, die dort
empfohlen werden. Oder in der Verwandtschaft, im Freundeskreis, in
Schulen, Büros, wo auch immer.
So kommen vor allem jene Autoren zum
Zug, die nicht nur einen Bestseller haben, sondern mehrere Titel
anbieten können. Sei es ein Zyklus, seien es unabhängige Romane,
das ist schon fast sekundär. Wenn der Autor - reell oder virtuell –
ein ganzes Regal voll hat mit Titeln, die er präsentieren kann, dann
hat er gewonnen.
Irgendeines seiner Bücher wird immer
empfohlen, irgendeines wird immer gekauft und irgendwer findet immer
genügend Gefallen an dem Werk, um gleich einen oder mehrere andere
Titel dieses Autors zu erwerben – der Mensch ist nun einmal ein
Gewohnheitstier. Deshalb gibt es vor allem bei der Fantasy derart
viele Zyklen.
Ob in der Buchhandlung oder im
Onlineshop, je mehr Platz du im Regal beanspruchst, umso mehr werden
dich die Leser wahrnehmen. Ein unbekannter Autor mit zwei, drei
Titeln wird wohl kaum den Zuspruch finden, den der gleich unbekannte
Autor bekommt, der jedoch zehn Titel anbieten kann. Allein das
Angebot suggeriert dass er erfolgreicher ist.
Dann kommt ein typisches Klischee und
Vorurteil zum Tragen: Mehr Titel im Angebot, damit muss er wohl
besser sein, also den muss man ausprobieren. Wenn das klappt,
verkauft man ein Buch mehr. Und das wiederholt sich, wieder und
wieder und wieder.
Genau diese Autoren, führt der
Buchhändler stets im Regal. Die Autoren, der sich von selbst
verkaufen, ohne dass man irgendwas dafür tun muss. Deren Titel
wiegen unterm Strich mehr in der Kassa als der Bestseller, der im
nächsten Jahr weg vom Fenster ist.
Alle lieben Bestseller, besonders wir
Autoren. Wir bekommen einen lächerlichen Vorschuss – wenn wir beim
einem Verlag publizieren (ich habe u.a. seit einem Jahr einen Roman
bei einem Verlag liegen, der nach etlichem hin und her im Frühjahr
2013 erscheinen soll – die Wirrnisse zu diesem Buch wären eine
eigene Geschichte wert), und wir bekommen eine lächerliche
prozentuelle Beteiligung am Verkauf, beim eBook mehr als bei Print.
Ein Bestseller spült Geld in die
Kassen und wir können für den nächsten Titel einen höheren
Vorschuss verlangen, eine höhere Beteiligung. Hurra, wir verdienen
Geld, endlich. Wir haben allerdings auch ein enormes Risiko zu
tragen, denn wenn das nächste Buch nicht so gut klappt, dann sind
wir entweder sofort weg vom Fenster oder das übernächste Buch
stellt die letzte Chance dar.
Hilft mir ein Bestseller in meinem
Genre? Klar, weil der Buchhändler dann ähnliche Titel empfehlen
kann. Fast jeder Bestseller hilft einer mehr oder weniger großen
Gruppe anderer Bücher auf die Sprünge. Wie ich oben schon
geschrieben habe – der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Gefällt ihm
ein Buch gut, will er etwas Ähnliches nochmal lesen.
Will ich einen Bestseller haben? Ja,
klar. Aber ich hätte vorher gerne ein paar Titel auf dem Markt. Ob
sie jetzt gehen oder nicht, das ist beinahe egal. Der Bestseller
pusht sie und damit habe ich eine gut gehende Backlist auf der ich
aufbauen und mir ein Publikum sichern kann.
Funktioniert das online auch so? Klar.
Ist dasselbe Prinzip, mit ein paar Abweichungen. Dort funktioniert
diese Show über das »Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben
auch ...« System. Und über die Kundenbewertungen. Das ist im Grunde
nichts anderes. Es ist eine, sagen wir mal, technisch bedingte
Variation des klassischen Systems, mehr nicht.
Kann ich Backlist und treue Leser auch
ohne Bestseller gewinnen? Selbstverständlich, keine Frage. Die
meisten Autoren, die sich über Jahre im Geschäft halten, haben auf
diese Weise ihre Leser gefunden. Was haben sie gemacht? Sie haben
geschrieben. Geschrieben, geschrieben, geschrieben. Sie haben sich
mit jedem Buch verbessert, und sie haben viele Bücher geschrieben.
Sie haben das getan, was Autoren vorrangig tun müssen, um abseits
der Bestsellerlisten zu bestehen. Sie haben sich ihren Regalmeter
gesichert.
Wie schreibe ich einen Bestseller? Gar
nicht. Ich schreibe ein Buch, so gut ich es kann. Ich publiziere es,
wobei es scheißegal ist, ob als eBook oder im Print oder beides.
Beides ist der Idealfall, aber egal. Habe ich einen Verlag hinter
mir, geht vieles einfacher, vieles jedoch nicht.
Mein Roman, der beim Verlag liegt, ist
als Trilogie konzipiert. In der Zeit, die es dort liegt und auf
Publikation wartet, hätte ich schon den zweiten Band schreiben
können. Ich bin vertraglich verpflichtet gewesen, ein weiteres Buch
zu denselben Kondition anzubieten. Das habe ich getan. Aufgrund der
bizarren Umstände des Projekts und weil es naturgemäß keine
Verkaufszahlen zum ersten Buch gab, hat der Verlag den zweiten Band
abgelehnt, was in diesem Fall nicht sehr schmerzt, weil ich
letztendlich dadurch nur gewinnen kann. Und ich bekomme die Rechte am
ersten Band in absehbarer Zeit zurück.
Was ich damit sagen will, so viel
einfacher wird die Sache mit einem Verlag nicht zwangsläufig, obwohl
ich auch durchaus positive Erfahrungen mit Verlagen gemacht habe.
Hast du keinen Verlag hinter dir, läuft die Sache auch nicht so viel
anders. Du schreibst dir die Finger wund und publizierst. Ein eBook
rauszubringen ist inzwischen relativ einfach, Print ist etwas
tückischer. Aber du schreibst. Du verdienst damit herzlich wenig
Geld, aber du schreibst. Marathonlauf!
Du schreibst, besetzt Regalmeter in den
Online-Shops und schreibst. Du hast eine Website, einen Blog, bist
bei Facebook und Google+, vielleicht noch bei Twitter und du tauchst
gelegentlich in dem einen oder anderen Forum auf, das sich mit
Büchern beschäftigt, wie du sie schreibst. Genau das machst du als
Independent Autor. Du postest lustiges Zeug, tiefgründige Sachen,
was auch immer zu dem Image passt, das du transportieren willst, wie
auch immer du dich darstellen möchtest.
Du streust immer wieder Hinweise auf
deine Bücher ein, postest hier eine Link, da eine Leseprobe,
verkündest den Fortschritt beim Entstehen deines neuen Buches und so
weiter. Was dir alles einfällt. Du wirst mit Infos über deine Werke
nicht spammen. Das ist tödlich.
Wenn ich von mir ausgehe, ich
entfreunde Leute, die nichts anderes tun als täglich mehrmals auf
ihre Bücher hinzuweisen. Ich gebe ein Gefällt mir oder ein Plus,
wenn mir etwas gefällt, manchmal kommentiere ich. Ich poste allerlei
Dinge, von Texten wie diesen bis zu YouTube Videos bis zu blöden
Sprüchen, die zu mir und dem Image passen, das ich von mir sehen
will.
Wenn alles gut zusammenspielt, baue ich
so eine Leserschaft auf. Langsam, geduldig. Die Sache dauert ein paar
Jahre und benötigt viele, viele Bücher. Ein Brotjob ist in dieser
Zeit unerlässlich. So oder ähnlich läuft das als Independent
Autor.
Und wie sieht es als Verlagsautor aus?
Überraschung – genau gleich! Bist du ein Bestsellerautor wie
Andreas Eschbach, kannst du deine PR-Aktivitäten etwas einschränken.
Eschbach beschränkt sich auf Google+ und postet vorwiegend zu
politischen, gesellschaftlichen oder technischen Themen. Er hat eine
riesige Gemeinde von Leuten, die seinen Postings folgen, bei Google+
eine beachtliche Leistung. Google+ ist ungleich höher im Niveau als
Facebook, aber schwerer zu knacken.
Sieh dir mal an, was SF Autor John
Scalzi macht. Sein Blog ist einer der erfolgreichsten
Autorenauftritte überhaupt. Er ist ein Meister der Selbstdarstellung
– der genialen, überaus sympathischen Selbstdarstellung. Er ist
ein Verlagsautor, der unglaublich viel PR für sich selbst macht.
Wenn man einen Lehrgang für Online-Werbung für sich selbst besuchen
wollte – John Scalzi ist der perfekte Lehrer.
Abgeschweift, sorry. Zurück zum
Bestseller. Zu sagen, ich will nicht mit meinem ersten Buch einen
Bestseller landen, ist verrückt. Wenn du die Disziplin und die
Fähigkeit hast, in schneller Folge, also jährlich, ein Buch im
selben Umfang, auf dem selben Niveau zu schreiben, dann gratuliere.
Bestseller sind Sprints. Sie dauern
durchschnittlich sechs Monate, dann ist das Spiel gelaufen. Sprint
folgt auf Sprint. Longseller sind Marathonläufe. Das ist keine
aufregende Angelegenheit, aber du bist wirklich lang im Rennen und am
Ende ist deine Leistung größer als die des Sprinters.
Du kannst keinen Bestseller schreiben.
Ein Bestseller passiert. Du schreibst ein Buch, so gut du es kannst.
Du bewirbst das Buch, so gut du es kannst. Du kümmerst dich darum,
gleich das nächste Buch in Angriff zu nehmen. Wieder und wieder. Bis
du deinen Regalmeter gefüllt hast. Und wenn dir das gelungen ist,
nimmst du den nächsten Regalmeter in Angriff.
Alle sechs Monate kommt der Vertreter
in die Buchhandlungen und präsentiert das Programm des nächsten
halben Jahres, darunter die Bestseller der nächsten Saison. Kümmere
dich nicht darum. Du hast einen Marathon zu absolvieren. Schreibe.
Samstag, 29. September 2012
Alleinsein, Schreiben, Selbsterkenntnis
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen
Sie …. sich selbst. Kaum jemand wird dir widersprechen, wenn du
sagst, es gibt nicht viel wichtigeres als zu wissen, wer du bist, was
du willst, wo deine Stärken und Schwächen liegen und wie
lebenswichtig es ist, mit sich selbst im Reinen zu sein.
Wie man soweit kommt, ist eine ganz
andere Frage und da gibt es so viele Antworten wie Menschen, obwohl
man auch hier breite Zustimmung finden wird bei der Behauptung,
Alleinsein ist einer der besten Wege. Eine Behauptung der ich aus
persönlicher Erfahrung und aus den Beobachtungen in meiner Umgebung
zustimme.
Ich habe einige Zeit allein gelebt und
dabei mehr über mich gelernt als in vielen Jahren Beziehung. Das
meiste davon hat mir gefallen, aber nicht alles. Ich habe Stärken
und Schwächen in mir gefunden, die mich erstaunt haben. Einiges
davon hat sich geändert, seit ich Frau und Kind habe. Einige Stärken
sind verschwunden, einige Schwächen wurden ausgeglichen.
Ich ziehe mich seit Monaten immer
wieder für ein paar Tage zum Schreiben zurück. In eine Wohnung, in
der ich allein bin, in einer Stadt, in der ich nicht lebe. Ohne
Internet, ohne Fernseher, ohne Radion, einmal sogar ohne Handy. Bei mir sind der
Laptop, Musik und die Textverarbeitung.
Während dieser Zeit der Einsamkeit
verbringe ich täglich rund 10-14 Stunden damit, in die Tasten zu
hämmern, auf den Bildschirm oder ins Leere zu starren. Ganz alleine.
So viel wie in dieser Zeit bringe ich beim Schreiben sonst nicht
weiter, das liegt in der Natur der Sache.
Die Kombination aus Einsamkeit und
Schreibarbeit hat dieselbe Wirkung wie das Leben alleine. Ich
entdecke Bereiche in mir, die ich nicht kannte oder nicht bewusst
wahrgenommen habe. Ich verstehe einiges besser. Und wie immer bei
solchen Dingen, nicht alles davon ist angenehm, einiges ist
irritierend. Aber auch das Unangenehme hat einen Vorteil – ich weiß
darüber Bescheid. Das ist zumindest ein Anfang und gibt mir einen
Spielraum, in dem ich versuchen kann … komm auf die dunkle Seite
der … ach, Quatsch.
Yoga, Meditation, eine Schweigewoche im
Kloster, alleine leben, oder allein schreiben gehen. Egal wie, Mensch
braucht immer wieder Zeit mit sich, um das Ich zu ergründen.
Manchmal reichen Stunden, dann wieder braucht man Tage, Wochen,
Monate. Selbst wenn es Jahre dauert, das ergründen des Ich ist eine
wichtige und notwendige Sache.
Bin ich glücklich? Lebe ich in der
richtigen Beziehung? Habe ich die richtige Position in meiner
Beziehung? Klammere ich mich rein aus Angst vor dem Alleinsein an
meinen Partner, obwohl ich weiß, er tut mir nicht gut? Werde ich
dabei gestärkt, oder zielt mein Partner auf meine Schwächen, um
mich zu dominieren – aus seiner eigenen Schwäche heraus, um sich
selbst besser zu fühlen?
Habe ich den Beruf, der mich glücklich
macht? Weiß ich, was ich mit meinem Leben anfangen will? Wie gut
kann ich es verkraften, wenn meine Wünsche nicht aufgehen? Was
erwarte ich mir eigentlich von einer Beziehung? Habe ich wenigstens
ein, zwei Freunde, denen ich mein Ich bedingungslos anvertrauen kann?
Kann ich meinen Gefühlen Ausdruck verleihen? Weiß ich, wie man
konstruktiv streitet? Warum bin ich so verletzlich?
Wenn ich all das weiß, dann geht es
mir besser, dann kann ich eine bessere Beziehung führen. Lebe ich
allein, dann werde ich instinktiv den Moment finden, ab dem ich
bereit bin, mich (wieder) auf ein Leben zu zweit oder mehr
einzulassen (und auf die dafür notwendigen Kompromisse). Ein Leben
allein ist keine Sache, vor der man sich fürchten braucht.
Und so weiter, und so weiter. Klingt
wie eine Sammlung von Klischees – ist es auch. Das Blöde daran ist
bloß, diese Klischees (zu finden in vielen handelsüblichen
Psychologiebüchern, Beziehungsratgebern, Selbstfindungsbüchern)
sind ein beträchtlicher Teil dessen, die das Ich ausmachen und
bestimmen. Klischees gibt es nicht ohne Grund, es steckt in allen ein
wahrer Kern.
Politik verdirbt den Charakter,
Konzerne beherrschen die Welt, die Kluft zwischen Arm und Reich wird
immer größer, wir verlieren immer mehr Rechte, wir werden immer
enger überwacht. Klischees. Wahrheiten. Untrennbar miteinander
verbunden. Sogar dieser Blogeintrag ist ein Klischee.
Wo war ich? Ach ja. Also, Einsamkeit
und Schreiben, zwei Werkzeuge, das Selbst zu ergründen. Das
beantwortet auch die Frage von Millionen Lesern an tausende Autoren,
wie viel von den Schreibern in ihren Texten steckt. Ganz einfach:
Manchmal das Unterbewusstsein, manchmal Vorlieben und Abneigungen,
manchmal gar nichts, weil der Text pure Berechnung ist, aber selbst
das ist Teil des Schreibers, seines Ich. Ob er es ergründet hat oder
nicht.
Hm, worauf wollte ich hinaus? Ah ja,
auf die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis. Ob mir gefällt, was ich in
mir finde oder nicht spielt keine Rolle, ich muss es wissen und damit
umgehen können, damit ins Reine kommen, mich selbst akzeptieren wie
ich bin. Nur dann wird es mir gelingen, ein zufriedenes Leben zu
führen. Und das ist, so egoistisch es klingen mag, das um und auf.
Ich muss mit meinem Leben zufrieden sein. Egal, in welcher Form ich
es führe. Denn ich habe nur dieses eine Leben, nach dem Tod ist es
vorbei.
Schnitzler, die alte Schweinebacke,
hatte mit seinem weitem Land Recht. Das Ich, die Seele, das ist ein
weites Land. Und wenn ich nicht weiß, wo sich was darin befindet,
verirre ich mich. Manche Orte suche ich öfter auf, andere selten.
Finde ich blinde Flecken, versuche ich zu ergründen, was darin
verborgen liegt, welche Wünsche, welche Sehnsüchte sich dort
verbergen. Mag mir nicht gleich gelingen, aber ich weiß, die Flecken
sind da. Vielleicht habe ich noch gar nicht alle Flecken gefunden,
das macht nichts, Hauptsache ich weiß, sie sind da und ich werde
sie, irgendwann, finden.
Ich ziehe mich zum Schreiben in die
Einsamkeit zurück. Ich finde Dinge in mir. Eine Erkenntnis, ein
Selbstverständnis, manchmal auch nur Unsinn. Aber ich bin froh
darüber. Es hilft mir, mich selbst zu verstehen, denn das ist
schwierig. Vieles von dem, was ich finde, gefällt mir. Aber nicht
alles.
Ich habe den Eindruck, etwas Wirrnis
verbreitet zu haben. Ich bin mir nicht sicher, worauf ich
hinauswollte. Nach sortierten Gedanken sieht das Ganze nicht aus.
Ehrlich, warum habe ich diesen
Blogeintrag jetzt geschrieben?
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